Die Suche nach dem Eigenkapital

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Nicht erst seit der uns jetzt schon sechs Jahre beschäftigenden “Bankenkrise” ist die Notwendigkeit von Eigenkapital nahezu täglicher Bestandteil der Wirtschaftspresse. Zu Recht!

Stellen Sie sich Ihren Freund Jens, einen Arbeitnehmer, vor: Charmante Ehefrau, gut erzogene Kinder, feste Anstellung mit sicherem Einkommen, seit Jahren beim gleichen, solventen Arbeitgeber.

Das Eigenheim zu 100 Prozent finanziert, die beiden Familienfahrzeuge voll geleast oder mit einer erheblichen Schlussrate finanziert, keine “Rückstellungen” für das nahende Studium der Kinder. Möglicherweise würden Sie Ihren Freund darauf hinweisen, dass “da aber nichts passieren” darf. Unbestritten also, dass es gut ist für einen erholsamen Schlaf, “einen Puffer für Unvorhergesehenes” zu haben, also “eigenes Kapital” oder Eigenkapital!

Das gilt umso mehr für Sie, den Unternehmer, der sicher auch eine charmante Ehefrau und gut erzogene Kinder hat, aber keine Kunden, die ihm mit jahrzehntelanger Abnahmeverpflichtung ein fixes Einkommen sichern.

Wie hoch und vor allem wo ist Ihr Eigenkapital im Unternehmen? Klar, wenn Sie in Ihre Bilanz schauen, sehen Sie auf den ersten Blick (hoffentlich auf der Passivseite) Ihr Eigenkapital. Konkret in Euro und Cent. Wenn Sie diese Summe in Relation zu Ihrer Bilanzsumme setzen, erhalten Sie – in Prozent – Ihre Eigenkapitalquote. Banken und Steuerberater vergleichen dann gerne. Ist die Quote im Vergleich niedrig, sollten Sie nach gängiger Meinung wachsam sein. Bei tendenziell hoher Prozentzahl sollten Sie vergleichsweise gut schlafen dürfen.

Bevor Sie jetzt schnell Ihre Quote ausrechnen und dann schlecht oder auch gut schlafen – überlegen Sie vorher einen Augenblick, wo Ihr in der Bilanz ausgewiesenes Eigenkapital eigentlich ist. Gehen Sie in Ihr Unternehmen und suchen Sie Ihr Eigenkapital. Oder besser → bleiben Sie ruhig sitzen.

 Sie werden Ihr Eigenkapital auch bei intensivster Suche nicht finden.

Auch wenn es eine Binsenweisheit ist, leider wird es im Alltag allzu oft vergessen: Ihre Bilanz besteht auf der Aktivseite ausschließlich aus einer Zusammenstellung einzelner Vermögensteile. Auf der Passivseite stehen die Verbindlichkeiten, die Schulden. Und da unser Buchungssystem nun einmal so aufgebaut ist, dass beide Seiten das gleiche Ergebnis abbilden müssen, errechnet man die Differenz zwischen der „Summe der Vermögensteile” und der “Summe der Schulden”. Diese Differenz, also den hoffentlich größeren Vermögenswert, nennt man dann Eigenkapital.

Von einer “mathematischen Differenz” können Sie aber weder Löhne noch Steuern zahlen. Bei der “bangen Frage” nach der künftigen Schlafqualität bleibt von daher keine andere Möglichkeit, als einmal zu überprüfen, ob Sie denn – wie hoffentlich Ihr Freund Jens – wirklich einen hilfreichen Puffer haben, wenn “einmal etwas passiert”.

Über Besonderheiten und Risiken auf der Passivseite, bei den Schulden, soll heute nicht gesprochen werden. Das ist eine separate Thematik!

Wir überprüfen die Vermögenswerte: Steht die Höhe (der Wert) Ihrer Vermögensteile fest? Bei Kassenbeständen und Bankguthaben kann man wohl noch davon ausgehen, dass die Summe stimmt und jederzeit verfügbar ist. Aber bei allen anderen Positionen? Welche Vermögensteile findet man üblicherweise in einer Unternehmensbilanz?

Immobilien Im Gegensatz zu Aktienkursen ersehen Sie nicht täglich den Wert Ihrer Gewerbeimmobilie in der Tagesschau. Würde ein Dritter wirklich genausoviel zahlen (oder eine Bank beleihen) wie in Ihrer Aktiva als Vermögenswert steht? Oder ist die Immobilie, so wie sie da steht, nur von Ihnen und vielleicht ganz wenigen Dritten uneingeschränkt zu gebrauchen? Von Marktveränderungen wollen wir hier gar nicht reden.
Maschinen und Geschäftsausstattung Können Sie wirklich jederzeit Ihre Maschinen und Ihre Geschäftsausstattung “zu Geld machen”? Zahlt Ihnen ein Dritter den Preis, den Ihre Aktivseite ausweist? Und vor allen Dingen: Können Sie nach einem Verkauf” uneingeschränkt weiter arbeiten oder benötigen Sie die Maschine für die Fortführung Ihres Unternehmens?
Warenvorräte Der Gutgläubige geht natürlich davon aus, dass der Unternehmer permanent darüber informiert ist, wie hoch seine Vorräte sind. Aber entspricht das wirklich dem Alltag? Permanente EDV-gestütze Inventur ist bei kleineren und mittleren Unternehmen noch selten. Und ob immer nach einer körperlichen Inventur eine exakte Bewertung zu Marktpreisen erfolgt und “Ladenhüter” ausgesondert werden soll hier offen bleiben.
Forderungen Wie sicher sind Ihre Forderungen? Wie gut ist Ihr Debitorenmanagement? Oftmals stecken in dieser Bilanzposition erhebliche Risiken, die das rechnerische Eigenkapital nennenswert beeinflussen können.

Die Aufzählung ließe sich fortsetzen und detaillierter beschreiben. Es ist aber schon viel gewonnen, wenn der Unternehmer erkennt, dass er sein Eigenkapital im Unternehmen konkret nirgends finden wird. Er kann und sollte seine Vermögenswerte bewerten und die darin steckenden Risiken erkennen. Und wenn er dabei auch noch beachtet, dass diese Risiken sich sehr unterscheiden, wenn er noch viele Jahre erfolgreich weiterarbeiten will oder alternativ plant, seine unternehmerische Tätigkeit zeitnah einzustellen, dann schärft das den Blick auf die eigene wirtschaftliche Situation deutlich. Prüfen Sie also bitte, ob Ihr Vermögen Ihnen “einen praktischen Puffer” für Unvorhergesehenes bietet. Wenn dies gut begründbar der Fall ist und Ihr Unternehmen trotz Unvorhergesehenem problemfrei und wirtschaftlich erfolgreich weiter arbeiten kann, dann haben Sie sich einen ruhigen Schlaf verdient.

Limeshain, November 2014

 

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