Jahresabschluss – Pflicht oder Kür?

Stellen Sie sich doch einmal Ihren Freund Klaus vor. Klaus ist ein “ganz normaler” Angestellter oder Arbeiter, der regelmäßig und mit viel Engagement seiner Arbeit nachgeht. Oft macht er Überstunden und selbstverständlich steht er auch am Abend oder am Wochenende für anstehende Emails oder WhatsApps zur Verfügung. Vielleicht sogar für Kundengespräche?
Wenn Sie ein guter Freund oder nahes Familienmitglied von Klaus sind, dürfen Sie ihn vielleicht fragen: “Was verdienst du eigentlich monatlich netto für deinen unermüdlichen Einsatz”? “Keine Ahnung!” wäre wahrscheinlich eine Antwort, die Sie im ersten und vielleicht auch im zweiten Moment verwundern würde.
Absurd? Nicht dann, wenn Klaus nicht als Arbeitnehmer, sondern als Unternehmer tätig ist. Natürlich weiß – hoffentlich – jeder Unternehmer, wie sein Kontostand ist und (möglicherweise) auch, wie hoch seine Außenstände und seine Lieferantenverpflichtungen sind. Die Anzahl Selbständiger – kleinere und mittlere Unternehmen – die keine konkrete Kenntnis davon hat, wie hoch das letztendliche Nettoeinkommen wirklich ist, dürfte größer sein, als gemeinhin angenommen.
Diese etwas provokante Aussage hängt auch damit zusammen, dass dem Arbeitnehmer monatlich ein “Lohnzettel” präsentiert wird, aus dem klar und oft auch verständlich erläutert wird, wie aus einer bestimmten Bruttolohnsumme dann eine – deutlich geringere – Nettoüberweisung auf das Bankkonto wird.
Den Umsatz (“das Brutto”) kennt der Selbständige fast immer. Die klare monatliche Abrechnung fehlt dem kleineren und mittleren Unternehmer recht häufig. Und damit fehlt ein solider Kompass, wie sehr oder wie wenig sich eigentlich die meist sehr gern gemachte “tägliche Plage” um Kunden und deren Wünsche oder Bedürfnisse gelohnt hat. Bei den Familienunternehmen ist es auch nicht immer auf den ersten Blick zu erkennen, in welchem Umfange das betriebliche Ergebnis zu einem angemessenen Lebensunterhalt beiträgt.
Da der Jahresabschluss letztendlich aus der Buchhaltung des Unternehmens entsteht, soll die regelmäßige Betriebswirtschaftliche Auswertung (BWA) als Teil des Jahresabschlusses gelten (der monatliche “Lohnzettel” des Unternehmers). In aller Regel ist allerdings leider die BWA des Unternehmers in der Qualität der Aussage nicht zu vergleichen mit dem höchsten steuerlichen und wirtschaftlichen Ansprüchen genügenden Lohnzettel des Arbeitnehmers.

Nicht enthalten sind in der Regel Positionen, die erheblichen Einfluss auf die Frage haben, wie hoch denn “das Einkommen” im vergangenen Monat war. Dazu einige Beispiele:

  • Ist die voraussichtlich für das Gesamtjahr anfallende Einkommensteuer anteilig berücksichtigt? Die gleiche Frage stellt sich natürlich auch nach der Gewerbesteuer. Je nach Geschäftserfolg wird diese Summe möglicherweise deutlich von den Vorauszahlungen abweichen. Besonders groß ist die Divergenz natürlich bei stark schwankendem Geschäftserfolg oder auch jungen Unternehmen. Nicht selten fällt eine beachtliche Steuerzahlung zum ungünstigsten Zeitpunkt an, beispielsweise, wenn gerade ein besonders lukrativer Kundenauftrag vorzufinanzieren wäre.
  •  Sind hohe Bestandveränderungen im Geschäftsjahr erfolgt? Nicht selten entsteht ein vermeintlich “hoher Gewinn” (mit entsprechend gut ausgestattetem Bankkonto) auch dadurch, dass das Warenlager abgebaut wurde. Und oft wird dies erst so richtig bewusst, wenn der Steuerberater bei der Fertigstellung des Jahresabschlusses (manchmal erst 12 – 15 Monate nach Ende des Geschäftsjahres) nach der Inventur fragt.
  • Dass Abschreibungen, Jahresabschlusskosten oder auch so ganz banale Dinge wie der Ausfall einer Kundenforderung nicht in der vom Steuerberater erstellten laufenden monatlichen Ergebnisübersicht (BWA) enthalten sind, ist gelebter Alltag. Wie auch, wenn der Unternehmer selbst kein besonders großes Interesse an einem möglichst klaren “Lohnzettel” zeigt.
  • Und selbst bei “recht gut gepflegten” Auswertungen ist in der Monatsdarstellung meist nichts gesagt über Tilgungen oder auch (je nach Rechtsform) Krankenversicherungen oder sonstige private Entnahmen.

Das “Nettoergebnis” und der möglicherweise daraus resultierende “Aha-Effekt” wird dann nach 2 Jahren bekannt. Beispielsweise, wenn im Frühjahr 2015 der Jahresabschluss 2013 fertiggestellt wird und damit auch die Ergebnisse von Anfang 2013 sichtbar werden. Bis dahin wird mit mehr oder weniger unrichtigen Daten vor- und vielleicht auch nachkalkuliert. 2 Jahre Suche nach dem “richtigen” Preis (Kalkulation) ohne eine vernünftige Datenbasis ist aber nichts anderes, als mit Vollgas im Nebel zu fahren in der Hoffnung, dass “das gute Fahrgefühl” schon dafür sorgt, dass es keinen Unfall gibt.
Letztendlich sollte der Unternehmer die monatlichen Zwischenergebnisse (BWA) und seinen Jahresabschluss mögen. Es ist sein “Lohnzettel”, aus dem er erkennen kann, in welchem Umfange sich seine meist aufopernde berufliche Tätigkeit in Euro und Cent ausgezahlt hat. Letztendlich hat selbst ein “nicht zufriedenstellendes Ergebnis” doch den Vorteil, dass der Unternehmer frühzeitig darüber nachdenken kann, mit welchen Maßnahmen sich das Ergebnis verbessern lässt. Immerhin besser, als nach über 2 Jahren festzustellen, dass 24 Monate vorher schon einiges im Argen war und damit das geleistete berufliche Engagement nicht so viel “Lohn” wie erhofft einbrachte.

Viele kleinere und mittlere Unternehmer mögen sich ja wenigstens noch regelmäßig die (oft unvollständigen und damit falschen) monatlichen Auswertungen ansehen. Extrem verbreitet aber ist die Auffassung, dass die Erstellung des Jahresabschlusses eine lästige und möglichst lange aufzuschiebende Pflicht ist, der man nur deshalb nachkommt, damit das Finanzamt “die notwendigen Papiere” bekommt. Und der Unmut hinsichtlich der Erstellung des Jahresabschlusses resultiert natürlich auch daher, weil die Befürchtung weit verbreitet ist, dass dann eine Steuernachzahlung zu entrichten ist.
Und weil eine Steuernachzahlung zwangsläufig kein Lustgewinn darstellt, schiebt man das gerne auf die lange Bank. Deshalb wird der Jahresabschluss nicht frühzeitig fertig gestellt und oft erhält der Unternehmer dabei Unterstützung von seinem steuerlichen Berater, der natürlich auch darauf angewiesen ist, die anfallende Arbeit recht konstant über das ganze Jahr zu verteilen.
Vergessen geht dabei oft, dass bei frühzeitigem Erkennen einer voraussichtlichen Steuernachzahlung noch “viel Zeit” besteht, die notwendige Liquidität anzuhäufen. Denn schließlich steht nirgends geschrieben, dass ein erstellter Jahresabschluss unmittelbar danach auch an das Finanzamt abgeschickt werden muss. Hier gibt es Fristen, die durchaus ausgereizt werden können. Aber es steht auch nirgends geschrieben, dass sich ein Unternehmer erst kurz vor Abgabefrist dafür interessieren soll, wie erfolgreich er gearbeitet hat und wie viel Steuer er dann kurzfristig nachzahlen soll.
Letztendlich vermeidet ein frühzeitiger Jahresabschluss und verbunden damit eine aussagefähige monatliche Auswertung auch, dass ein großer Kundenauftrag von der Hausbank deshalb nicht oder nur sehr zögerlich mit finanzieller Unterstützung begleitet wird, weil der Unternehmer seinen Geschäftserfolg kaum belegen kann.
Pflicht oder Kür? Wenn der Unternehmer “Monatsauswertung” und Jahresabschluss als seinen “Lohnzettel” ansieht, als Beleg dafür, ob er “gut oder schlecht” gearbeitet hat, dann muss ihn das aussagefähige Ergebnis eigentlich regelmäßig und “brennend” interessieren. Die meisten Unternehmer waren früher auch einmal Arbeitnehmer. Mit einer Lohnabrechnung, die dem Umgang mit dem eigenen Abschluss entspricht, wären sie damals “stinksauer ins Lohnbüro gerannt”! Deshalb, auch wenn es ungewohnt klingt: “Jahresabschlüsse und Monatsergebnisse sollten Sie mögen”!!!
Limeshain, Oktober 2014

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